Berufsorientierung? Bauchgefühl und Trial and Error!

Erst einmal ganz herzlichen Dank an den Recrutainment Blog, der zu Beginn des Jahres zu der Blogparade „Machen wir 2014 zum Jahr der Berufsorientierung!“ aufgerufen hat. Hier haben sich bereits viele namhafte Blogger der HR-Szene mit klugen, interessanten und treffenden Beiträgen zum Thema beteiligt. Besser spät als nie, möchten auch wir unsere Gedanken zum Thema „Berufsorientierung“ nicht vorenthalten.

Das Problem ist relativ klar, die Lösung überhaupt nicht. Demografischer Wandel, echter, halbechter oder gar unechter Fachkräftemangel und der Nachwuchs (per se und dem Arbeitsmarkt) fehlt sowieso. Und dann orientieren sich die wenigen, die es überhaupt im arbeitsfähigen Alter gibt, auch noch gar nicht oder falsch: Denn die Fachkräfte fehlen ja bekanntermaßen vor allem in den MINT-Berufen, die keiner so recht studieren mag oder nach ein paar Semestern einfach abbricht. Ähnlich verhält es sich in Bezug auf Ausbildungsverhältnisse.

Schuld sind daran irgendwie alle und doch keiner so richtig. Schulen ohnehin, Eltern auf jeden Fall, Universitäten, Fachhochschulen, Betriebe, die Wirtschaft im Allgemeinen und die Betroffenen selbst natürlich auch. Die einen meinen, man erreiche geeignete Kandidaten nicht und vielleicht sei Social Media diesbezüglich der Stein der Weisen. Andere glauben, die jungen Leute seien nicht motiviert und zielstrebig genug oder hätten grundsätzlich einfach zu viele Flausen im Kopf, die herzlich wenig mit der verfügbaren Realität zu tun haben.

Trial: 30 Jobs in einem Jahr

VergangenenBerufsorientierung mit Bauchgefühl und Mut zum Trial & Error Mittwoch erschien im KARRIERESPIEGEL der Artikel „Suche nach dem Traumberuf: 30 Jobs in einem Jahr“. Erzählt wird die Geschichte der 28-jährigen Jannike Stöhr, die ihre sichere Stelle bei Volkswagen für ein Jahr auf Eis gelegt hat, um sich auszuprobieren und so den Beruf zu finden, der sie glücklich macht. Ein paar Dinge fallen dabei sofort ins Auge: Berufsorientierung ist offenbar nicht nur ein Problem von jugendlichen Schulabgängern. Sicherheit und Glück verhalten sich mitunter nicht so zueinander, wie viele Eltern oder Wirtschaftsweise es vermutlich gern hätten. Und: Ausprobieren gehört dazu. Auch wenn zahlreiche unfreundliche, missgünstige und garstige Kommentare zu dem Artikel den Eindruck erwecken, das sei ein ganz vereinzeltes Problem von ignoranten Querschlägern ohne jede gesellschaftliche Verantwortung.

Vielleicht hätte Frau Stöhr irgendwann zwischen Schule und Berufsstart so eine Art Sabbatjahr, „Work and Travel“ oder einfach ein Jahr Auszeit mit scheinbar ziellosem Jobben machen sollen. Dann hätte sie sich in aller Seelenruhe fragen können, wo ihre tatsächlichen Stärken und Schwächen liegen, und müsste das vielleicht jetzt nicht tun. Möglicherweise war sie bisher aber auch schlicht in der allgemeinen Falle des „schneller, höher, weiter, jünger“ gefangen, der schon Kleinkindern vorschreibt, wann sie laufen, fehlerlos sprechen und zählen können sollen. Oder die Dinge haben sich eben einfach geändert – auch wenn zahlreiche Kommentatoren der Meinung sind, mit einem sicheren Job bei Volkswagen habe man kein Recht mehr, sich existentielle Fragen zu stellen, und schon gar nicht auf einen Richtungswechsel.

Bauchgefühl oder Vernunft?

Fakt ist doch, dass im Alter zwischen 16 und 19 Jahren kaum jemand hauptsächlich vernunftbegabte und zukunftsorientierte Entscheidungen trifft. Warum sollte das bei der fundamentalen Frage „Was möchte ich beruflich machen?“ anders sein? Zumal mittlerweile auch bei der jungen Generation auf dem Weg in die Arbeitswelt angekommen sein dürfte, dass diese Entscheidung ohnehin nicht mehr sooo tiefgreifend ist, da man heutzutage sowieso selten ein ganzes Leben lang in seinem Beruf arbeitet. Es ist ja schon immer seltener die Regel, überhaupt etwas zu machen, was mit der eigentlichen Ausbildung zu tun hat.

Dazu kommen Faktoren, die zu anderen Zeiten vielleicht nicht so sehr ausgeprägt bzw. einfach anders gegeneinander gewichtet wurden: Was wäre eine sinnvolle Tätigkeit? Was macht mich glücklich? Wie frei kann ich trotzdem sein? Aber auch: Wie sicher ist der Job, den ich dann mache? Wie viel Geld verdiene ich da per annum (wobei ich befürchte, dass der Begriff unter manch Jugendlichen tatsächlich gebräuchlich ist)? Wie schnell bin ich mit dieser Ausbildung/diesem Studium fertig? Wie steht’s mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Und zu all diesen Fragen äußern sich dann auch noch Freunde, Eltern, Lehrer und die ältere Dame im Supermarkt an der Kasse.

Aber woher soll man denn wissen, dass Anwalt sein nicht funktioniert wie bei „Ally McBeal“ und nicht jeder Medizinstudent ein „Dr. House“ wird? Und wenn eines Tages keiner mehr Schauspieler, Romanautor oder Musiker werden will, weil das so unsicher ist und man wahrscheinlich erst einmal ziemlich lange ziemlich wenig verdient, sind dann alle zufrieden? Es gibt in der Schule genau EIN vorgeschriebenes Berufspraktikum, das sage und schreibe 2 Wochen dauert. Im Bachelor-Studium dürfen es dann auch mal 4 bis 8 Wochen sein, die vorgesehen sind. Im Master-Bereich ist davon (mit einigen Ausnahmen) schon gar nicht mehr die Rede. Selbst ist die junge Frau/der junge Mann, mag man nun dagegen halten. Natürlich. Man kann selbstverständlich alle Schul- und Semesterferien dazu nutzen, Praktika in Hülle und Fülle zu absolvieren, um herauszufinden, was passt. Aber dafür lässt der enge Studienverlaufsplan dann doch kaum Zeit. Von der Familie und anderen Beteiligten, die diese Entscheidung in trockenen Tüchern sehen wollen, mal ganz zu schweigen.

Error: Den Weg finden, ohne falsch abzubiegen?

„Jugend ist Trunkenheit ohne Wein“, stellte Johann Wolfgang von Goethe einst treffsicher fest. Ein bisschen mehr davon täte wohl gut. Denn Orientieren bedeutet im eigentlichen Wortsinn, die richtige Richtung bzw. sich (in einer unbekannten Umgebung) zurechtfinden. Wie geht das, ohne auch mal falsch abzubiegen? Zumal man nur so ein sicheres Gefühl dafür entwickelt, wann es Zeit ist, umzukehren, und wann man ruhig weitergehen kann und möglicherweise einen neuen Weg zum Ziel findet. Bodenständige Informationen, fachkundige Beratung und zielgruppenspezifische Kampagnen gibt es immer mehr und immer bessere. Jetzt fehlt noch eine gute Portion Bauchgefühl und ein bisschen mehr Mut zum „Trial and Error“.

Viel Spaß & Stellen Sie mehr an!

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